Bedauerliche Fehlentscheidung

„Sie haben keine Angst vor Dir, sie haben Angst vor dem, was Du repräsentierst.“ – „Das was wir für sie repräsentieren ist nur jemand, der sich nicht die Haare schneidet.“ – „Oh nein, nein, was Du für sie repräsentierst, ist Freiheit.“ (Dialog aus „Easy Rider“, USA 1969)

Entscheidungen in der Lokalpolitik sind wichtig und müssen getroffen werden, das ist wie im Fußball. Natürlich passieren dabei auch Fehler. Über spektakuläre Fehlentscheidungen im Fußball debattiert man noch nach Jahrzehnten – Stichwort: „Wembley – Tor“.

Ganz klar: Dass sich der Jenaer Stadtrat in den späten Abendstunden des 14.11.2018 für die Fortführung des Projektes zum Umbau des Ernst-Abbe-Sportfeldes in ein modernes reines Fußballstadion ausgesprochen hat, war eine richtige Entscheidung. Aber: Dass zuvor der SPD-Antrag, hierbei die „Südkurve“ als traditionellen und eben auch zukünftigen Bereich der aktiven Fanszene des FC Carl Zeiss Jena festzuschreiben, abgelehnt wurde, ist aus unserer Sicht eine klassische Fehlentscheidung.

Eine Entscheidung, die verkennt, dass der wichtigste Gesellungsort, Sozialisationsraum und Identifikationsfaktor der Jenaer VertreterInnen der aktuell attraktivsten und mitgliederstärksten jugendlichen Subkultur in Deutschland, nämlich der Ultraszene, nicht nach technischen Kenngrößen (wie Kapazität und Ausstattung) austauschbar ist – gerade so, wie dem jahrelangen Bewohner einer mondänen Wohnung im Westviertel nicht die Umsetzung in eine vergleichbare Behausung am Hausberg zu verordnen wäre. Eine Entscheidung, die ausblendet, welches beeindruckende zivilgesellschaftliche Engagement – weit über den „Kampf um die Kurve“ hinaus – aus dieser Szene hervorgegangen ist, wenn wir nur an den Verein „Hintertorperspektive“, dessen jährliches „Flutlicht – Festival“ oder auch das Engagement gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus denken. Eine Entscheidung, deren „Sicherheitsbedenken“ eigentlich längst widerlegt wurden, und die zahlreiche konstruktive Gesprächsrunden, die beeindruckende „crowdFANding“-Kampagne mit über 150 T€, ein erfolgreiches Mediationsverfahren, die gemeinsame Deklaration von Stadt, Behörden, Fußballclub und Fans, ein Petitionsverfahren, welches binnen weniger Tage fast 6.000 Unterschriften verzeichnete sowie nicht zuletzt die Expertise deutschland- und weltweit führender Experten wie Prof. Dr. Gunter A. Pilz („Ein Erhalt der „Südkurve“ als Heim-Stehplatzbereich stärkt die besonnenen Kräfte und Selbstregulierungsmechanismen innerhalb der Fanszene, so dass von einer Verbesserung der Stadionsicherheit auszugehen wäre. Die Mitglieder der jugendlichen Subkultur wären motiviert, nicht durch Delinquenz die angestrebte Variante zu gefährden. Die hohe Identifikation der Fanszene mit „ihrem“ Stehplatzbereich im Süden des Stadions und die Realisierung eines gastfreundlichen Stehplatzbereiches im Norden der Arena gewährleisten zudem den angestrebten größtmöglichen Abstand zwischen aktiven Heim- und Gästeanhängern innerhalb der Anlage. Bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden sollten auch die möglichen Folgen der Durchsetzung eines Gästesektors auf der Südtribüne. Die gewachsene Fanszene mit ihren funktionierenden Strukturen wäre durch den Verlust des Identifikationsfaktors „Südkurve“ einem Erosionsprozess ausgesetzt, die Selbstregulierung würde geschwächt, und eine Neufindung und -strukturierung wäre der angestrebten Verbesserung von Stadionsicherheit eher abträglich. Im Gegensatz zum o.g. größtmöglichen Abstand der Fanblöcke sollte in Erwägung gezogen werden, dass ein nicht unerheblicher Teil der Szene sich anstelle der abgelehnten Nordkurve eher in Richtung der an einen südlichen Gästebereich angrenzenden Sektoren orientiert, und entsprechende Unruheherde entstehen können. Verschiedene Einzelpersonen und Gruppen könnten dem Stadiongeschehen gänzlich fernbleiben, und für Fanprojekt wie Vereinsfanbetreuung wichtige Ansprechpartner und Multiplikatoren wegbrechen. Erfahrungen verschiedener Standorte lehren zudem, dass Phasen der Verunsicherung bzw. Um- und Neustrukturierung von Fanszenen oft ein Einfallstor für das (Wieder)Erstarken rechts-extremistischer Tendenzen darstellen.“ ), Helmut Spahn („Die Chance, hier ZUSAMMEN eine Vereinbarung auf den Weg zu bringen, die richtungsweisend und zielführend für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Verein, Fans, Polizei und Stadt sein kann und wird, sollte und darf nicht ungenutzt bleiben. Die in der Gesamtschau signifikanten sicherheitsrelevanten Vorteile für die Stadt Jena, den Verein FC Carl Zeiss Jena, die aktive Fanszene und die Polizei / BOS überwiegen bei weitem die noch im Raume stehenden kleinen Restrisiken, die aber jedem Konzept innewohnen. […] Sollte man es schaffen, hier gemeinsam positiv Signale zu setzen, werden sich kurz- und mittelfristig nachhaltige Effekte ergeben, die einen weit größeren Sicherheitsgewinn generieren werden, als kräfteaufwändige und restriktive Sicherheitskonzepte.“ ) und nicht zuletzt der Stadionbauexperten der Firma Companeer GmbH („Ein erzwungener Umzug der Heimfans birgt aus unserer Sicht erhebliche Gefahren für die Akzeptanz und somit für den wirtschaftlichen und ideellen Erfolg des Stadionprojekts und die Sicherheit im künftigen Stadion. […] Es sprechen weiterhin sicherheitsrelevante Argumente gegen die Anordnung von Heimstehplätzen im Norden des neuen Stadions. Da der Gästebereich mutmaßlich nicht die volle Länge der Südtribüne im neuen Stadion einnehmen wird, sondern gegebenenfalls nur ca. 1/3, muss damit gerechnet werden, dass die Eintrittskarten für die anderen 2/3 von den Unterstützen der „Südkurve bleibt“-Fraktion aufgekauft werden und in der Folge das Ziel einer Fantrennung mit maximaler Distanz zwischen den relevanten Fanlagern nicht erreicht wird. Werden auf den oben genannten 2/3 der Südkurve im „neutralen“ Bereich Sitzplätze angeordnet, ist zudem damit zu rechnen, dass die organisierten Fans hier dennoch stehen werden. Dies würde ggf. mit Sichtbehinderungen für die restlichen Zuschauer einhergehen, kann statisch problematisch sein (siehe aktuelles Fallbeispiel Stadion Magdeburg) und bietet aufgrund fehlender Wellenbrecher und dem Vorhandensein von Sitzschalen (Stolperfalle!) Gefahrenpotential für die stehenden Zuschauer. Zudem ist aufgrund der Historie des Konflikts um die zukünftige Lage der Heimfankurve damit zu rechnen, dass es zu einem dauerhaft schwelenden Konflikt zwischen organisierten Heimfans und der Polizei kommt, der ggf. zu sicherheitsrelevanten Auseinandersetzungen im Stadionumfeld führen kann.“ ) weitgehend ignoriert. Klassische Fehlentscheidung, und der Videobeweis hilft uns hier leider auch nicht weiter.

Natürlich gehört es zu den Spielregeln in einer Demokratie, Mehrheitsentscheidungen, auch wenn sie unliebsam sein mögen, zu akzeptieren. Die Jenaer Fans, welche am Mittwochabend noch einmal mit einer beeindruckenden und ebenso lauten wie friedlichen Demonstration auf ihr Anliegen aufmerksam machten, um dann über Stunden in der Kälte auf ein Ergebnis zu warten, haben Disziplin und Haltung gezeigt. Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche: „Wirklich beeindruckt bin ich übrigens von den Fans, die am Rathaus waren. Von den kleinen Beleidigungen in der ersten Reihe mal abgesehen – in einer so großen Gruppe so beherrscht zu bleiben, nachdem man ein Ergebnis hört, von dem man so enttäuscht ist, und das man für so fundamental falsch hält, allergrößter Respekt. Ich hoffe nun sehr, dass Fans und Stadt auch mit der neuen Lage wechselseitig sprechfähig bleiben oder wieder werden.“ Das Fanprojekt bedankt sich bei allen Stadträten, die das Anliegen der „Südkurve“ unterstützt haben, und natürlich ganz besonders bei den Fans für das gefasste und friedliche Aufnehmen des Abstimmungsergebnisses! Den nun notwendigen Weg des weiteren Dialoges wird das Fanprojekt selbstverständlich als Vermittler und Schnittstelleneinrichtung entsprechend begleiten und steht allen Beteiligten als Ansprechpartner zur Verfügung, kritisch-parteilich an der Seite seiner Zielgruppe. Ziel muss es sein, einen Weg zu finden, dass aus einer Fehlentscheidung nicht noch ein klassisches Eigentor wird.

 

 

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